Die erste Auflage von „Redaktionelle Strategien entwickeln“ erschien am 17. Juli bei der utb GmbH. Quelle: Helene Dann

„Zeit für einen Wandel!“

Facebook, Newsbots und Datafizierung sind nur einige der Herausforderungen, mit denen der moderne Journalismus zu kämpfen hat. Professor Dr. Lars Rinsdorf zeigt in seinem im Juli 2017 erschienen Buch „Redaktionelle Strategien entwickeln“, wie Redaktionen sich bei zunehmendem Wettbewerb in der Medienwelt durch strategische Prozesse behaupten können. Welche neuen Perspektiven der Wandel eröffnet und wie ein Journalismus der Zukunft funktionieren kann, erklärte im Interview.

Die erste Auflage von „Redaktionelle Strategien entwickeln“ erschien am 17. Juli bei der utb GmbH. Quelle: Helene Dann
Die erste Auflage von „Redaktionelle Strategien entwickeln“ erschien am 17. Juli bei der utb GmbH. Quelle: Helene Dann

Was kann man sich unter einer redaktionellen Strategie vorstellen?

Rinsdorf: Mit dem Begriff Strategie wird oft das Bild des Strategen, als Feldherr im Krieg assoziiert, doch Strategien müssen nicht durch einen Befehlshaber entwickelt werden, sondern sollten im Journalismus stark in der Redaktion verankert sein. Da ich selbst als Journalist tätig war, kam ich mit der redaktionellen Strategieentwicklung früh in Berührung, denn damals, wie heute nehmen Strategieprozesse eine immer wichtigere Rolle bei der journalistischen Tätigkeit ein. Das reicht von einer Analyse über die Entwicklung einer Strategie bis hin zur Erweiterung des Geschäftsmodells und der Konzeption neuer Produkte. Die Strategie fungiert als Verbindung einer Organisation mit der Zukunft. Es geht neben dem Blick in die Redaktion auch darum, die eigene sich wandelnde Umgebung einzuschätzen.

Welche Faktoren beeinflussen den modernen Journalismus?

Insbesondere kann man einen zunehmenden Wettbewerb beobachten. Es bestehen von professionellen Veröffentlichungen bis hin zu amateurhaften Produkten immer mehr Angebote, da die Eintrittsbarrieren für den Markt sinken. Alle Entwicklungen werden schneller und auch die Aufgabe des Journalisten wandelt sich. Durch das Internet kann sich heute jeder an Kommunikation beteiligen, sodass sich die Geschäftsmodelle einer Medienorganisation verändern müssen, um ihre Legitimation zu erhalten. Unternehmen wie Google und Facebook sind große Wettbewerber der Journalisten geworden. Ein Beispiel für ein Geschäftsmodell, das dem Wandel unterliegen wird, sind die Öffentlich-rechtlichen Medien. Diese haben derzeit ein großes Problem, sich bei jüngeren Zielgruppen zu legitimieren. Während ältere Menschen den Rundfunkbeitrag gerne zahlen, sehen die jungen Leute eine Gebühr oft nicht mehr ein, da sie das Öffentlich-rechtliche Angebot wenig bis gar nicht nutzen. Hier ist also Zeit für einen Wandel.

Kernmerkmale einer Strategie nach Rinsdorf. I Abbildung: Redaktionelle Strategien entwickeln – Lars Rinsdorf / utb / 2017
Kernmerkmale einer Strategie nach Rinsdorf. I Abbildung: Redaktionelle Strategien entwickeln – Lars Rinsdorf / utb / 2017

Strategie fundiert mitunter auf unternehmerischen Überlegungen. Hat die Profitorientierung eines Medienunternehmens nicht negative Auswirkungen auf die journalistischen Standards?

Profitorientierung kann sich negativ auf die journalistische Qualität auswirken, muss dies aber nicht. Ein Unternehmen, das wie Facebook vorrangig profitorientiert ist und Änderungen erst durch offizielle Abmahnungen einleitet, verliert auf Dauer seine Glaubwürdigkeit. Wenn man als seriöses Medienunternehmen auftreten will, muss die Profitorientierung also eine Balance zur gesellschaftlichen Verantwortung des Journalismus aufweisen. Es muss jedoch klar sein, dass Strategien nicht immer entwickelt werden, um Gutes zu bewirken. Medienunternehmen hatten das Glück, dass das Geschäftsmodell des Journalismus circa 120 Jahre ähnlich geblieben ist. Die letzten zehn Jahre den vollen Profit herauszuschlagen, indem man Ressourcen einspart und weniger Zeit auf die Qualität der Inhalte verwendet, könnte auch eine Strategie sein. Diese hätte negative Auswirkungen auf journalistische Standards. Klar ist, dass sich das bisherige Geschäftsmodell des Journalismus langsam abschafft, sodass es hier eine Neuorientierung geben muss.

In welche Richtung wird sich das Berufsbild des Journalisten entwickeln?

Der Journalismus wird zwar auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, doch anstatt Gate Keepern sind Journalisten eher zu Gate Watchern geworden. Sie unterscheiden relevante und irrelevante Inhalte und greifen wertvolle Informationen auf. Der Journalist verliert also seine frühere Mittlerrolle. In der Sammlung und Aufbereitung von Inhalten aus der Flut an Informationen, liegt wohl die Aufgabe des Journalismus der Zukunft. Auch das Thema künstliche Intelligenz und das Zusammenleben von Menschen und Maschinen wird sich in der Zukunft stark verändern und auch den Journalismus beeinflussen.

Sind redaktionelle Strategien das Rezept zum Erfolg?

Sie sind weniger als Rezept, sondern eher als Werkzeug zu verstehen. Im Prinzip nenne ich Instrumente, um eigenständig redaktionelle Strategien zu entwickeln. Es ist nicht das Ziel des Buches ein Rezept zum Erfolg zu liefern, sondern Denkanstöße und Anregungen zu geben, wie Journalismus jetzt und in Zukunft funktionieren kann. Es gibt nicht die Strategie für alle Redaktionen, da sich diese immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen anpasst. Studierende können neben den Werkzeugen zur Strategieentwicklung auch von meinem Buch lernen, die Zukunft im Blick zu behalten anstatt sich nur auf die Gegenwart zu fokussieren, denn im Journalismus muss man einen Weitblick besitzen.

Ist nach dem Buch bereits ein neues Projekt in Planung?

Momentan sind keine neuen Veröffentlichungen geplant, da ich bei unserem Fake News-Projekt sehr eingespannt bin. Auch die Lehre an der Hochschule der Medien bietet mir aktuell ausreichend Beschäftigung, doch wir werden sehen, was sich entwickelt.

About Helene Dann

ich studiere mittlerweile im vierten Semester Public Relations. Seit Oktober 2017 informier ich über das Neueste aus unserem Studiengang.