Andere Länder, andere Sitten: Verhaltensregeln in Indien

„Ich studiere am Asian College of Journalism in Chennai, weil mobile journalism die Zukunft ist und wo kann man das besser lernen als beim Pionier Devadas Rajaram.“

Der Crossmedia-Redaktions Studierende Marvin Graewert berichtet aus seinem Auslandssemester am Asian College of Journalism (ACJ) in Chennai, Indien. Alle Beiträge zum ACJ findet man hier.

Das Tata nähert sich bedrohlich, wenn auch noch in Schrittgeschwindigkeit. Dann heult es laut auf, was im lärmenden Chennai allerdings fast untergeht und rast auf mich zu. Nur ein gekonnter Sprung zur Seite kann mich vor dem vorbeirauschenden Auto retten. Damit wäre auch schon die größte Gefahr beschrieben, denn außer im dichten und verrückten Verkehr musste ich mir in der friedlichen Millionenstadt kaum Gedanken um seine Sicherheit machen. Trotzdem schadet es nicht, sich mit diesen fünf Verhaltensregeln vertraut zu machen. Denn mit 170 Millionen Muslimen und einer Milliarde Hindus gibt es gleich zwei große Glaubensgemeinschaften, deren religiösen Gefühle nicht verletzt werden sollen.

Noch sind die Straßen leer. Spätestens zur Rushhour wird sich das ändern | Foto: Marvin Graewert

Verhaltensregel #1: Der Umgang mit Kühen

Kühe stehen und liegen in Indien fast überall herum. Denn Kühe sind in Indien für Hindus heilig und genießen viele Freiheiten, zum Beispiel Zwiebeln an einem Gemüsestand fressen, ganz ohne dafür zu bezahlen oder auf einer Hauptverkehrsstraße ein Nickerchen machen und damit den Verkehr lahmlegen. Das sieht voll süß aus, aber Hände weg! Fotos hingegen sind unproblematisch, nur streicheln ist tabu. Habe ich zumindest gelesen. Als meine tierliebe Kommilitonin Aline allerdings nicht anders konnte und doch mal eine Kuh streichelte, hat sie sich nur ein paar nette Blicke eingefangen. Sicherer bin ich mir allerdings beim Essen von Kühen. Ein ziemliches Reizthema für Hindus. Es gibt sogar eine kleine radikale Gruppe, die Kuhfresser lyncht. Was allerdings nicht heißt, dass während eines Indienaufenthalt auf das Beefsteak verzichten werden musst. Wer die Augen offen hält, findet auch einen Laden der Sünde, zumal es für Muslime ein ganz normales Tier ist.

Ein wirklich unwürdiges Mahl für eine Heilige | Foto: Aline Spantig

Verhaltensregel #2: Die indische Küche

Apropos Essen: Gegessen wird mit der rechten Hand, denn die linke Hand gilt als unrein. Trotzdem kann mit der linken Hand am Essenstisch nach einem Topf gegriffen werden und keine Angst, Löffel gibt es auch überall.

Übrigens, wem die südasiatische Küche schmeckt – die übrigens milder gewürzt ist als gedacht – braucht nicht viel nicht viel Geld ausgeben. Ein schickes Essen im Restaurant gibt es schon für drei Euro. Wer hingegen westliches Essen vorzieht, muss eher mit dem Dreifachen rechnen.

Kantinenessen am ACJ: Reis mit Hühnchen, Chips und Maisfladenbrot | Foto: Marvin Graewert

Verhaltensregel #3: Minirock zu Hause lassen

Am indischen Flughafen werden Frauen erstmal einige ihrer Rechte abgenommen. Am stärksten machte es sich bei der Kleidung bemerkbar. Frauen in Indien zeigen eigentlich gar keine Beine, nur sehr wenig Arme und ein bisschen Bauch. Eine so krasse Verhüllung ist natürlich nicht nötig, aber zu viel nackte Haut kann einerseits lüsterne Blicke auf sich ziehen und anderseits als sehr respektlos wahrgenommen werden. Auch ein Bikini am Strand ist verkehrt. Die Crossmedia-Redaktions Studierende Aline hat zu diesem Thema eine sehenswerte Video-Reportage aufgenommen. Wenn sich Männer hingegen unpassend anziehen, wird das lediglich schmunzelnd zur Kenntnis genommen.

Verhaltensregel #4: Nicht zu oft bedanken

Wer sich fürs zu spät kommen entschuldigt, hat gleich zwei ungewöhnliche Dinge getan: Denn fünf Minuten vor der Zeit ist eben nur die deutsche Pünktlichkeit. Zehn Minuten zu spät in eine Vorlesung zu platzen ist völlig ok und Entschuldigungen werden nicht so inflationär verwendet wie in Deutschland. Wer freundlich sein möchte, für den kann es hilfreicher sein, ein paar Brocken Tamil zu lernen. Denn auch wenn die Amtssprache Englisch ist, gibt es viele Menschen, die nur Tamil sprechen.

Verhaltensregel #5: Whisky erst ab 25

Wer im konservativen Chennai eine Party sucht… könnte der Anfang eines Witzes sein. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die App ‚LBB‘, um ein paar der raren Veranstaltungen zu finden. In der App findet sich auch ein Satz, der die Lage eigentlich ganz gut zusammenfasst: Wer bis zum Morgengrauen feiern möchte, muss nach Goa gehen. Mit einem Bier den Sonnenuntergang am Strand genießen ist auch nicht möglich: Alkohol und Zigaretten sind in der Öffentlichkeit verboten – Whisky wird erst ab 25 verkauft, Bier bekommt man ab 21 und ist viel teurer, als es der Deutsche gewohnt ist. Cannabis hingegen soll recht günstig sein.

Auf einen Blick: das Asian College of Journalism Chennai
Hochschule: Asian College of Journalism, eine kleine Uni an der Süstdostküste Indiens
Stadt: riesig, bunt, laut und voller Trubel
Inhalte: ausgelegt auf Journalismus im digitalen Zeitalter, (politsch-historische) Wahlkurse frei wählbar, nichts für PR
Highlights: Berichterstattungs-Exkursion inklusive abenteuerlicher Reise durch Indien im Januar
Kosten: keine Studiengebühren, das Leben ist absolut erschwinglich
Besser nicht: zu viel vom Nachtleben erwarten, aufreizende Kleidung tragen, den Monsun vergessen

Fragen zum Asian College of Journalism und Indien? Antworten gibt es bei Aline (as270@hdm-stuttgart.de) und Marvin (mg145@hdm-stuttgart.de)!

About CR/PR-Internationals

Austauschstudierende des Studiengangs Crossmedia-Redaktion und Public Relations veröffentlichen hier Beiträge aus der ganzen Welt unter dem Motto: Auslandssemester hautnah!