6 Fragen an – Fake-News Spezialisten

Im Rahmen der Ringvorlesung der Hochschule der Medien (HdM) veranstaltete der Förderverein am Mittwoch, den 24. Mai ein vertiefendes Event zu Fake-News. Denn diese gibt es ja nicht erst seit den letztjährigen US-Wahlen. Vier Experten aus Journalismus, Politik, Recht und Technik beleuchteten die Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln und gaben Auskunft zu aktuellen Regulierungsmaßnahmen.

Uns CR-Studierende hat an diesem Abend vor allem die journalistische Sichtweise interessiert. Deswegen haben wir uns Prof. Dr. Katarina Bader, Dozentin für Online-Journalismus an der HdM sowie die Vertreter aus Recht und Technik zur Seite genommen und noch einmal genau nachgefragt:

Früher wurden Falschmeldungen wie bei der Stasi noch per Post verschickt. Durch das Internet hat sich da aber einiges geändert. Fake-News kursieren nun überall. Welchen Herausforderungen muss sich der Journalismus deshalb in unserer heutigen Zeit stellen?

Insgesamt findet im Journalismus in allen Bereichen eine extreme Beschleunigung statt. Es wird viel schneller berichtet, früher hat man noch morgens sein Thema bekommen, den ganzen Tag recherchiert und am Abend, wenn die Zeitung in Druck ging, musste der Artikel erst fertig sein.

Durch diese Schnelllebigkeit, beschleunigt sich auch die Verbreitung von Falschmeldungen. Das ist vor allem gefährlich in akuten Krisensituationen, wie zum Beispiel bei dem Amoklauf 2016 in München oder auch kürzlich bei dem Terroranschlag in Manchester. In solchen Situationen haben sich in Echtzeit verbreitende Falschmeldungen manchmal auch gefährliche Auswirkungen:

Beim Münchner Amoklauf kam das Gerücht auf, dass auch Schüsse in der Innenstadt gefallen seien. Dieses Gerücht erreichte über die Smartphones auch Touristen, die gerade im Hofbräuhaus waren. Und plötzlich klang Türenschlagen für diese Menschen wie Schüsse. Die Medienrealität, die hier falsch war, bestimmte also plötzlich die Interpretation der eigenen Umgebung. Panik brach aus. Das ging so weit, dass Menschen ein Fenster zertrümmerten und jemand hinaussprang. Ein Video dieser Panik verbreitete sich im Netz und sorgte für noch mehr Panik.

Es ist aufgrund dieser Panik nichts Schlimmes passiert, aber es hätte durchaus etwas passieren können. Hier muss man Antworten finden. Meldungen über Krisen werden durch die Beschleunigung der Berichterstattung potentiell zum Teil der Krise.

Eine mögliche Konsequenz kann daher sein, dass die Kommunikatoren, die die Twitter Accounts der Polizei bedienen, mittendrin im Krisenstab sitzen müssen.  Falschmeldung müssen sofort überprüft und dementiert werden. Die Dementis sollten im Idealfall (fast) so schnell sein, wie die Gerüchte.

Was haben Sie an Ihrem Rechercheverhalten in den letzten Jahren verändert, damit Sie Fakt von Fiktion unterscheiden können?

Ich arbeite ja selbst nicht in einer Nachrichtenredaktion, aber bin natürlich mit Kollegen im Gespräch. Also grundsätzlich sind immer noch die gleichen Regeln relevant. Man braucht unabhängige Quellen. Nur ist es heutzutage viel schwerer zu erkennen, was unabhängige Quellen sind, weil Quellen potentiell in Sozialen Medien miteinander vernetzt sind.

Darüber hinaus jage ich Fotos von Social Media mittlerweile immer noch einmal durch die „Google-Bildsuche-Rückwärts“ oder ein ähnliches Tool, denn oft werden angebliche „Augenzeugenbilder“ schamlos aus dem Netz zusammen kopiert.

Ich glaube ein gewisser Schutz kann der stärkere Rückgriff auf offizielle Quellen sein, aber dieser hat natürlich auch negative Auswirkungen. Wir Journalisten sind ja keine Verlautbarungsorgane der Behörden. Trotzdem würde ich als Journalistin in einer akuten Krisensituation wie dem Münchner Amoklauf eine Meldung wie „es gibt Schüsse in der Münchner Innenstadt“ erst verbreiten, wenn ich das entweder von Kollegen vor Ort oder von der Polizei selbst weiß. Ich weiß von Journalisten aus Nachrichtenredaktionen, dass sie die Panik beim Münchner Amoklauf sehr systematisch und auch selbstkritisch ausgewertet haben und sich Ihrer Verantwortung bewusst sind.

Denken Sie, dass das Phänomen Fake-News für die Demokratie gefährlich?

Alleine nicht. Höchstens in Kombination mit vielen anderen Phänomenen. Dann vielleicht schon.

Und was wäre denn eines dieser anderen Phänomene?

Die Polarisierung der Gesellschaft ist so ein anderes Phänomen. Dass es Falschmeldungen gibt ist das eine, aber, dass es Menschen gibt, die in einer ganz speziellen Welt, mit einer speziellen Wahrheit und speziellen Nachrichten leben, kann ausschlaggebend dafür sein, dass Fake-News eine gefährliche  Wirkung entfalten.

 

Hierzu berichtet Prof. Dr. Tobias Keber, Dozent für Medienrecht und Medienpolitik an der HdM über die rechtlichen Richtlinien bei der journalistischen Berichterstattung:

 

Maschinelle Faktchecker sollen Journalisten bei ihrer Recherche unterstützen. Ausgehend von der Fülle an Informationen ist solch eine Hilfe angebracht oder?

Ich glaube, dass Journalisten heute Unterstützung brauchen, wobei Tools zur Unterstützung teilweise eben erst entwickelt werden müssen.

Die Herausforderung ist enorm: Der extremen Zeitdruck im Nachrichtengeschäft, der Personalmangel in den Redaktionen und neue Akteuren im Netz, die gezielt falsche Informationen verbreiten. Deshalb arbeiten mein Kollege Lars Rinsdorf und ich gerade auch mit einer Reihe von Partner auf eine Kooperation hin, die das Problem interdisziplinär angehen soll. Mit dabei wären Informatiker, Medienpsychologen, Juristen, journalistische Praktiker und wir als Journalistik-Profs.

Wir hoffen, dass dabei Tools entstehen, die den Journalisten die Recherchearbeit zwar nicht abnehmen aber technische Unterstützung bieten, die gut in den Redaktionsalltag integrierbar ist.

 

Hervais-Clemence Simon Fhom, Informatiker vom Fraunhofer Institut für sichere Informationstechnologie aus Darmstadt hierzu über die Zusammenarbeit von Journalismus und Technik gegen Fake-News:

 

 

Wie wird sich demnach das Berufsbild und auch das Fachkönnen der Journalisten für die Zukunft verändern müssen?

Journalisten müssen sich in der heutigen Generation ein gewisses technisches Grundverständnis  mitbringen. Dieses Verständnis war nie egal, aber es wird immer wichtiger. Ich denke nicht, dass jeder Journalist zugleich ein Coder sein kann oder soll. Aber es ist wichtig, neue Tools zu bedienen und ihre Funktionen zu verstehen.

Ich glaube das ist eine große Veränderung.

 

About Anna-Maria Ihle

Ich studiere im vierten Semester Crossmedia-Redaktion an der Hochschule der Medien. Seit März 2017 liefere ich Lesestoff direkt aus unserem Studiengang.