Vor der Richterbank

Voller Anspannung blickten die Anwälte auf die ausdruckslosen Mienen der drei Richter vor ihnen. Nur von der Qualität und Stimmigkeit der anwaltlichen Klageschrift und -erwiderung sollte abhängen, welcher der beiden Mandant zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wird.

Nagut, so viel sei verraten, die Studierenden waren die Anwälte und die Richter wurden von Recht-Professoren der Hochschule der Medien gespielt. Aber abgesehen davon haben alle Beteiligten ihr Bestes gegeben, eine echten Gerichtsverhandlung so gut wie möglich nachzuahmen.
Moot Court bedeutet so viel wie „fiktives Gericht“ und ist ursprünglich ein Wettbewerb aus den USA, bei dem Rechtstudierende sich durch simulierte Gerichtsprozesse auf ihre spätere Arbeit vorbereiten.

Am 18.01.2017 fand ein Moot Court auch wieder in den Räumen der Stuttgarter Hochschule statt, bei dem Studierende aus dem dritten Semester sowohl echte, als auch fiktive Prozesse aus der Medienbranche behandelten, um einen Einblick in die Vielfalt und Komplexität des Rechts zu bekommen. Darunter auch die Drittsemester aus Crossmedia Redaktion und Public Relations.

Die studentischen Anwälte vor dem Hohen Gericht. Foto: Julian Reitner

In den Lehrveranstaltungen „Recht“ und „Medienrecht“ wurden die Studierenden mit den wichtigsten Paragraphen und Aspekten der juristischen Arbeitsweise vertraut gemacht. Ziel der Rechts-Ausbildung ist die fiktive Gerichtsverhandlung am Ende des Semesters, die als Prüfungsleistung über das Bestehen des Moduls entscheidet. In vierköpfigen Teams verfassten die Studenten entweder eine Klageschrift oder Klageerwiderung zu einem bestimmten Fall. Diese Texte wurden dann an besagtem Verhandlungstag mit einem kurzen Plädoyer vorgetragen.

Themen bei den diesjährigen Verhandlungen waren unter anderem Schmähkritik und Beleidigungen in der Presse, Bearbeitung und Verfälschung von Bildern und die Grenzen der Berichterstattung über das Privatleben von Politkern. Die wichtigsten Gesetze und Paragraphen, über die von den Studierenden diskutiert wurden, bezogen sich folglich auf Meinungsfreiheit, Urheber- und Persönlichkeitsrecht.

Ein Prozess behandelte die Werbung des Seitensprung-Portals Ashley-Madison mit dem Bild von CSU-Parteichef Horst Seehofer. Wichtig zur Klärung des Falls war hier, ob Seehofers Affäre noch ein aktuelles Geschehen darstellt und damit das Werbeplakat überhaupt erlaubt ist. Wann ist eine Kommerzialisierung mit Politikern verboten und wann wird in deren Intimsphäre eingegriffen? Dieser Fall kam tatsächlich nie zur Verhandlung, hier findet sich jedoch ein genauerer Überblick über Seehofers Fall und weitere Prozesse mit Prominenten.

Medienrecht greifbar machen

Das simulierte Gericht ist durch die aktive Teilnahme und Zusammenarbeit an den juristischen Schriften eine äußerst beliebte und effektive Prüfungsleistung, um in die zunächst als schwer zugänglich empfundene Materie „Recht“ einzutauchen.

Zum Ende hin steigt die Spannung: Prof. Dr. Tobias Keber löst am Ende die Fälle auf, einige seien jedoch noch nicht entscheidungsreif. Aufgrund uneindeutiger Beweislagen ist eine Entscheidung nicht immer möglich. Das Hauptziel des Moot Court hat sich dennoch bewährt: Brandaktuelle, witzige und relevante Fälle, die Medienrecht unterhaltsam und einprägsam machen.

Um einen genauen Eiblick in die Einzelfälle vom letzten Jahr zu bekommen, gibt es hier gesammelt die Storify zu allen Fällen des Moot Courts. Außerdem konnten die Verhandlungen live miterlebt werden, da die CR/PR-Studierenden vor Ort per Twitter vom aktuellen Geschehen berichteten. Wem das noch nicht als Einblick reicht, hier ein kurzes Tutorial, was ein Moot Court ist:

About Julian Reitner

Ich studiere im vierten Semester Public Relations an der Hochschule der Medien. Seit Oktober 2016 liefere ich Lesestoff direkt aus unserem Studiengang.